Wer sitzt wirklich in deutschen Gefängnissen? Amtliche Zahlen – vollständig, ehrlich, mit Kontext. Und warum PKS-Tatverdächtige nichts über Schuld aussagen.
Am Stichtag 31. März 2025 saßen genau 43.971 Menschen in deutschen Justizvollzugsanstalten (inkl. Sicherungsverwahrte). Hier die vollständigen, amtlichen Zahlen:
Insgesamt
43.971
100 %
Deutsche
27.094
61,6 %
Ausländer
16.877
38,4 %
davon EU-27
5.084
11,6 % aller Insassen
Deutsche · 61,6 %
EU-27 · 11,6 %
Übrige Ausländer · 26,8 %
Deutsche Staatsangehörige
EU-27-Bürger
Übrige ausländische Staatsangehörige
Achtung – der häufigste Denkfehler: "38 % Ausländer im Knast bei nur 15–16 % Bevölkerungsanteil" ist eine beliebte Stammtisch-Rechnung. Sie ignoriert mindestens 6 entscheidende Faktoren. Alle erklärt im Abschnitt "Was die Zahlen NICHT sagen" weiter unten.
Männer und Frauen getrennt
Ein fast übersehenes Faktum: 94,1 % aller Gefangenen sind Männer. Das gilt für jede Nationalität. Kriminalität ist primär ein Geschlechts- und Altersproblem, kein Nationalitätsproblem.
Männer gesamt
41.366
94,1 %
Frauen gesamt
2.603
5,9 %
Deutsche Männer
25.118
60,7 % aller Männer
Ausländische Männer
16.248
39,3 % aller Männer
Deutsche Frauen
1.974
75,8 % aller Frauen
Ausländische Frauen
629
24,2 % aller Frauen
Bemerkenswert: Bei Frauen sind 75,8 % deutsche Staatsangehörige – deutlich höher als bei Männern (60,7 %). Das zeigt, dass Migrantinnen im Strafvollzug massiv unterrepräsentiert sind.
Straftatengruppen – klick dich durch
Das Bild variiert stark je nach Straftat. Bei Mord sitzen 70 % Deutsche ein. Bei Diebstahl sind es nur 52,8 %. Schau selbst:
Alle Straftaten
Mord & Totschlag
Sexualdelikte
Körperverletzung
Diebstahl
Raub & Erpressung
Betrug & Untreue
Stalking & Freiheit
Gruppe
Insgesamt
Männer
Frauen
Anteil
Die Strafvollzugsstatistik zeigt Personen, die zum Stichtag tatsächlich in Haft sitzen. Lange Haftstrafen (Mord, schwerer Raub) erzeugen eine höhere "Sichtbarkeit" als kurze Strafen. Das ist keine Tatverdächtigen-Statistik.
Herkunftsländer ausländischer Gefangener
Von den 16.877 ausländischen Insassen kommen die größten Gruppen aus:
Land / Gruppe
Insgesamt
Männer
Frauen
% aller Insassen
EU-27 zusammen
5.084
4.754
330
11,6 %
↳ Polen
1.414
1.331
83
3,2 %
↳ Rumänien
1.002
945
57
2,3 %
↳ Bulgarien
447
408
39
1,0 %
↳ Italien
433
406
27
1,0 %
— NICHT-EU-LÄNDER —
Türkei
1.789
1.751
38
4,1 %
Syrien
1.288
1.280
8
2,9 %
Marokko
619
617
2
1,4 %
Algerien
599
595
4
1,4 %
Serbien
501
461
40
1,1 %
Albanien
485
480
5
1,1 %
Afghanistan
646
642
4
1,5 %
Russische Föderation
340
326
14
0,8 %
Georgien
326
324
2
0,7 %
Ukraine
318
287
31
0,7 %
Ausländer gesamt
16.877
16.248
629
38,4 %
Deutsche Staatsangehörige
27.094
25.118
1.974
61,6 %
Interessant: Polen + Rumänien + Bulgarien (alle EU) stellen zusammen 2.863 Insassen. Nach der naiven AfD-Logik ("mehr Insassen = krimineller") müssten sie dieselbe Hetze gegen EU-Osteuropäer betreiben. Tun sie aber nicht. Warum wohl?
Vergleich 2024 vs. 2025 – Wohin zeigt der Trend?
Stichtag jeweils 31. März. Quelle: Destatis Tabelle 24321-08 beider Jahrgänge. Alle Veränderungen in absoluten Zahlen und Prozent:
Anteil Ausländer im Strafvollzug
2024 · 37,4 %
DE 62,6 %
EU 11,6 %
Ü.A. 25,8 %
2025 · 38,4 %
DE 61,6 %
EU 11,6 %
Ü.A. 26,8 %
Straftatengruppen – Vergleich 2024 zu 2025
Straftatengruppe
2024
2025
Differenz
%
Ausl. 2024
Ausl. 2025
Δ Ausl.
%Ausl 2024
%Ausl 2025
Herkunftsländer – Vergleich 2024 zu 2025
Land
2024
2025
Differenz
Veränderung %
EU?
Was der Trend zeigt: Die Gesamtzahl der Gefangenen ist stabil (+0,5 %). Bemerkenswert: Deutsche Insassen SINKEN um 276 (−1,0 %), während ausländische Insassen um 501 (+3,1 %) steigen. Der stärkste Anstieg: Syrien +194 (+17,7 %), Afghanistan +37 (+6,1 %). Gleichzeitig: Polen −79 (−5,3 %), Georgien −28 (−7,9 %). Der Trend ist gemischt – keine pauschale Aussage möglich.
PKS-Tatverdächtige vs. Strafvollzug – der entscheidende Unterschied
Die AfD und andere verwechseln – bewusst oder aus Unwissenheit – zwei grundverschiedene Statistiken. Hier die ehrliche Erklärung:
PKS – Polizeiliche Kriminalstatistik
Was wird gezählt? Tatverdächtige – also jede Person, gegen die ein Strafverfahren eingeleitet wurde
Noch nicht verurteilt – unschuldig bis zur Verurteilung
Enthält Aufenthaltsdelikte – illegale Einreise, Aufenthaltsverstoß – Delikte, die Deutsche gar nicht begehen können
Enthält Durchreisende – Banden aus anderen Ländern, die gar nicht in Deutschland leben
Keine Freisprüche herausgerechnet – alle Einstellungen und Freisprüche sind enthalten
Mehrfachzählung möglich – eine Person mit 3 Anzeigen = 3 Tatverdächtige
Strafvollzugsstatistik (diese Seite)
Was wird gezählt? Nur Personen, die rechtskräftig verurteilt wurden und Freiheitsstrafe verbüßen
Kein Freispruch möglich – Staatsanwaltschaft + Gericht haben die Schuld bestätigt
Kein Doppelzählen – jede Person einmal
Ehrlichste Zahl für tatsächliche Verurteilungen
Aufenthaltsdelikte führen seltener zu Freiheitsstrafen → kleiner Effekt
Bevölkerungseffekte nicht bereinigt – aber das gilt für PKS genauso
Wichtige Zahlenrelation: Von ~100 polizeilichen Tatverdächtigen (PKS) landen in Deutschland nur ca. 3–5 im Strafvollzug. Der Rest: Verfahren eingestellt, Geldstrafe, Bewährung, Freispruch. Die PKS ist daher als Beweis für Schuld vollkommen ungeeignet.
Warum PKS-Ausländeranteil "aufgebläht" wirkt
Effekt
Wirkt auf PKS?
Wirkt auf Strafvollzug?
Aufenthaltsdelikte (nur Ausländer möglich)
Stark (bläht Ausländeranteil auf)
Kaum (selten Haftstrafe)
Durchreisende Kriminelle (kein Wohnsitz DE)
Ja (werden gezählt)
Teilweise (kurze Haft)
Ausländer ohne Bewährungsoption (Fluchtgefahr)
Nein
Ja (erhöht Ausländeranteil)
Demografische Struktur (jung, männlich)
Ja
Ja – aber erklärt durch Alter/Geschlecht
Sozioökonomische Faktoren
Ja
Ja – erklärt durch Armut, nicht Herkunft
Fazit: Die Strafvollzugsstatistik ist die härtere und verlässlichere Zahl – und selbst dort sitzen bei Mord 70 % Deutsche, bei Sexualdelikten 77 % Deutsche. Wer das weglässt, lügt durch Weglassen.
AfD-Faktencheck – die häufigsten Behauptungen
Die folgenden Behauptungen tauchen regelmäßig in AfD-Reden, -Posts und -Flyern auf. Hier die amtlichen Zahlen dagegen:
AfD-Behauptung
"Ausländer begehen überproportional viele Sexualdelikte – unsere Frauen sind nicht mehr sicher."
Bei Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (§§ 174–184l) sitzen 4.400 Personen ein:
3.381 (76,8 %) Deutsche Staatsangehörige
1.019 (23,2 %) Ausländer – davon 246 EU-Bürger
3 von 4 Verurteilten für Sexualdelikte sind also Deutsche. Bei der Vergewaltigung (§177 Abs.6 Nr.1) spezifisch: von 690 Verurteilten sind 421 (61 %) Deutsche, 269 (39 %) Ausländer.
AfD-Behauptung
"Ausländer morden und töten – sie bringen Gewalt nach Deutschland."
Amtliche Zahlen (Strafvollzug 2025)
Bei Mord (§211): 2.024 Verurteilte:
1.425 (70,4 %) Deutsche
599 (29,6 %) Ausländer – davon 161 EU-Bürger
Bei Totschlag (§§212, 213): 1.241 Verurteilte:
639 (51,5 %) Deutsche
602 (48,5 %) Ausländer
Zusammen (Straftaten gegen das Leben, §§211–222): 62,3 % Deutsche, 37,7 % Ausländer.
AfD-Behauptung
"Die PKS zeigt: Ausländer sind viel krimineller als Deutsche – Zahlen lügen nicht."
Was die PKS wirklich misst – und was nicht
PKS zählt Tatverdächtige, nicht Verurteilte. Kein Schuldnachweis enthalten.
PKS enthält Aufenthaltsdelikte – Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz sind definitionsgemäß nur von Ausländern begehbar. Streicht man diese heraus, schrumpft der Unterschied um ca. 10–15 Prozentpunkte.
Durchreisende Kriminelle ohne Wohnsitz in Deutschland erscheinen in der PKS, aber nicht in der Wohnbevölkerung für den Vergleich.
Das BKA selbst warnt im Jahresbericht: "Unterschiede in den Aufgriffswahrscheinlichkeiten" – Ausländer werden öfter kontrolliert und angezeigt.
Zahlen lügen nicht – aber wer sie bewusst falsch kontextualisiert, lügt trotzdem.
AfD-Behauptung
"Geflüchtete aus Afghanistan und Syrien sind besonders gefährlich."
Tatsächliche Anteile an 43.971 Insassen gesamt
Syrien: 1.288 Insassen = 2,9 % aller Gefangenen
Afghanistan: 646 Insassen = 1,5 % aller Gefangenen
96 % der Gefangenen sind KEINE Syrer und KEINE Afghanen
Bei Mord: Syrer 126 = 6,2 % der Mordverurteilten – von ~300.000 in DE lebenden Syrern
Zudem: In Deutschland leben ca. 800.000 Afghanen und Syrer ohne jeden Strafvollzugseintrag. Das sind 99,7 % – sie werden nie erwähnt.
Was die Zahlen NICHT sagen – 6 Kontextfaktoren
Die nackte Zahl "38 % Ausländer im Knast" wird ohne Kontext zur politischen Waffe. Hier die Faktoren, die jede seriöse Kriminologie kennt:
🚫
1. Aufenthaltsdelikte – Deutsche können sie gar nicht begehen
Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz (illegaler Aufenthalt, illegale Einreise §§ 95–97 AufenthG) sind nur Ausländern möglich. Allein das Aufenthaltsgesetz erzeugt 370 Gefangene (95,7 % Ausländer). Diese Delikte blähen die Quote rein rechnerisch auf.
✈️
2. Touristen, Durchreisende, Banden ohne Wohnsitz
Die Statistik zählt alle in Deutschland inhaftierten Ausländer – auch georgische Reisediebe, die in Frankfurt gefasst wurden, polnische Einbruchsbanden in Brandenburg usw. Diese Personen sind nicht Teil der deutschen Wohnbevölkerung, werden aber im Knast mitgezählt. Beim Bevölkerungsvergleich verfälscht das massiv.
94,1 % aller Gefangenen sind Männer. Die ausländische Bevölkerung in Deutschland ist im Schnitt jünger und männlicher als die deutsche. Die Altersgruppe 20–35 Jahre hat die höchste Kriminalitätsrate – in jeder Nation, jeder Ethnie, jedem Jahrzehnt. Kontrolliert man für Alter und Geschlecht, schrumpft der Unterschied dramatisch.
💶
4. Sozioökonomische Lage – der eigentliche Treiber
Kriminologische Studien (KFN Hannover, MPI Freiburg, BKA) zeigen seit Jahrzehnten: Armut, Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse und fehlende Bildung erklären den Großteil der Kriminalitätsunterschiede. Ausländer sind in diesen Risikofaktoren überrepräsentiert. Vergleicht man Deutsche und Ausländer mit gleichem Sozialstatus, verschwinden die Unterschiede fast vollständig.
⚖️
5. Keine Bewährungsstrafe für Ausreisepflichtige
Ausländer, gegen die eine Abschiebung angeordnet ist oder droht, bekommen von Richtern häufiger Freiheitsstrafen statt Bewährung (Fluchtgefahr-Argument). Ein identisches Delikt, das bei einem Deutschen mit Bewährung endet, führt bei einem ausreisepflichtigen Ausländer häufiger in den Strafvollzug. Das erhöht den Ausländeranteil in der Strafvollzugsstatistik ohne dass die Kriminalitätsrate höher wäre.
👁️
6. Selektives Anzeigeverhalten und mehr Polizeikontrollen
Mehrere Studien (u. a. KFN 2018, Pfeiffer/Windzio) zeigen: Bei "ausländisch wirkenden" Personen wird häufiger Anzeige erstattet, häufiger kontrolliert, häufiger U-Haft angeordnet. Ein Weißer und ein Schwarzer, die dasselbe tun, haben unterschiedliche Wahrscheinlichkeit, als Tatverdächtige aufzutauchen. Das BKA nennt das selbst "unterschiedliche Aufgriffswahrscheinlichkeiten".
Fazit der Forschung: Wer aus der Strafvollzugsquote ableitet "Ausländer sind krimineller als Deutsche", macht denselben logischen Fehler wie jemand, der schließt "Männer sind generell kriminell, weil 94 % aller Gefangenen männlich sind." Die Zahl stimmt – die Schlussfolgerung ignoriert alle erklärenden Kontextvariablen.
Quellen & Methodik
Primärquelle: Statistisches Bundesamt (Destatis), Statistischer Bericht "Strafvollzug", EVAS-Nr. 24321, erschienen 26.01.2026, korrigiert 27.02.2026. Tabelle 24321-08: "Ausländische Strafgefangene und Sicherungsverwahrte in Deutschland nach ausgewählter Staatsangehörigkeit zum Stichtag 31.3.2025".